
Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis L.) gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae Juss.), zu der, je nach Auffassung , etwa 20 bis 200 Arten – vornehmlich aus dem außertropischen Amerika – gezählt werden. In Europa eingeschleppt oder eingeführt wurde die Art Anfang des 17. Jh. Auf Grund einer speziellen Art des Genaustausches können sich aus Hybriden neue Arten (!) bilden, die, soweit sie mangels Härte nicht eingehen, als Neophyten in die hiesige Flora eingehen. So entstanden im Laufe der Zeit eine Vielzahl von lokalen Kleinarten (Interessenten finden Näheres im „Kritischen Band“ der Rothmalerschen Exkursionsflora Bd. 4). Der wissenschaftliche Familien-Name geht auf einen griechischen Pflanzennamen zurück, „biennis“ ist aus dem Lateinischen und weist auf die „zweijährige“ Lebensdauer der krautartigen Pflanze hin.


Die Gewöhnliche oder Gemeine Nachtkerze bildet im ersten Lebensjahr eine dem Boden flach aufliegende Blattrosette aus, aus der im zweiten Vegetationsjahr ein bis zu 2 m hoher Stängel erwächst, der die gelben Blüten trägt. Die Blüten öffnen sich – von Juni bis September – am Abend und verwelken meist zu Mittag des kommenden Tages. Dieses „sich öffnen“ der Blüten ist außerordentlich eindrucksvoll. Düll und Kutzelnigg beschreiben dies in „Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch“: „Die Blüten öffnen sich in der Dämmerung mit deutlichem Knistern durch Aufreißen der zunächst verwachsenen Kelchblätter und Entfaltung der eingerollten Kronblätter. Der sehenswerte Vorgang dauert an warmen Sommerabenden nur wenige Minuten und läßt sich bei Bedarf durch Erwärmen der Blüten mit der warmen Hand beschleunigen.“

Die Blüten beginnen etwas später zu duften und locken sehr bald verschiedene Schwärmer und am Tag dann auch Tagfalter, Hummeln und Bienen an. Offenbar ist die Blütengröße je nach Kleinart besonders; die Blütenbecher können zwischen 2 bis 4 cm lang sein. Interessenten sollten in Feld und Flur den „Bestände“ nach großblumigen Exemplaren suchen und dort Samen gewinnen.




Theodor Theuß schreibt 1811 (Allgemeines Blumen=Lexikon) über die Oenothera biennis L.: „Sie ist unter dem Namen Rapontikawurzel in den Küchengärten allgemein bekannt; sie wird aber auch ihrer schönen, schwefelgelben Blumen wegen zur Vermehrung der Mannigfaltigkeit zuweilen als Rabattenblume angepflanzt.“ Staudengärtnereien bieten mehrere meist winterharte reichblühende Arten mit gelben, ockerfarbenen oder weißen Blüten an. Die etwas bitteren, fleischigen Wurzeln waren einst ein beliebtes Gemüse. In „Gressent’s einträglicher Gemüsebau“ (1884) wird unter „Verschiedene Wurzelgemüse“ ausgeführt: „Rapontika (Oenothera biennis), zweijährig, eine gute Salatwurzel, die aber schon im Herbst des ersten Jahres geerntet werden muß.“ (Weil später die Wurzel verholzt!) Weitere auf die Nutzung bezogene Namen der Art sind: Gelbe Rapunzel und, weil rötlich gefärbt, Schinkenwurzel. Verschiedener Inhaltsstoffe wegen wird die Nachtkerze als Heilpflanze genutzt. Auch Genetiker interessieren sich für die Art.

Die Oenothera biennis bevorzugt trockene, sandige oder kiesige, sonnige oder auch halbschattige Ruderalstellen. Die Art ist eine Pionierpflanze die im Laufe der Zeit durch „später ankommende“ dichtere Vegetation verdrängt wird.
Da die Nachtkerze zweijährig und eine Pionierpflanze ist, wird sie in den Gärten der Welt an wechselnden Standorten vorkommen. Suchet, so werdet Ihr finden!
Text und Fotos: Dr. H. G. Büchner
